Auf der Suche ...



Auf der Suche

Eine Geschichte über eine kleine Schreibblockade

Meine Finger schwebten über der Tastatur und rührten sich nicht.
Mach dir Musik an, hat sie gesagt. Und eine Kerze. Dann kommt alles von allein. Würde es vielleicht, wenn ich Pornos schreiben würde, oder zumindest irgendeinen romantischen Frauenkram, wie diese Hefte von Landarzt Dr. Martin Schönling oder solchen Kram.

Mein Blick fiel auf das weiße Teelicht. Eventuell würde die schwarze Kerze, die neben meiner Mikrowelle noch immer in Papier gewickelt ruhte, besser zu meinem Genre passen. Immerhin war ich Thrillerautor.

Blutig und spannend musste es sein und bis vor einem dreiviertel Jahr war auch alles gut gelaufen. Ich verdiente mir keine goldene Nase. Nicht mal eine silberne. Bronze … auch nicht unbedingt, aber es war ein hübsches Taschengeld, was mir regelmäßig den Urlaub finanzierte.

Doch so wie es aussah, würde ich wohl Urlaub auf Balkonien machen – sofern ich einen hätte. Verdammt.

Da saß ich nun und schaute auf die leere Seite meines Schreibprogramms, während mein heißgeliebter Hip Hop in meine Ohren dröhnte.

Okay, wie fängt man eine Story an? Man benötigt einen Plot. Einen roten Faden, eine Idee, einen Satz … verdammt, einen Namen.

Ich nenne ihn Mike. Kreativ, weil es doch mein Name war. Nur nicht zu sehr anstrengen. Namen kann man noch ändern. Wo lebt Mike?

Ich wohne in Berlin. Perfekte Stadt, um Input für einen Thriller zu bekommen. Eine laute, dreckige Stadt voller Bekloppter. Nicht alle, aber eine gute Hand voll Psychos haben wir bestimmt. Sie liefern mir Dankenswerterweise meine Ideen. So wie vor drei Jahres, als ein Irrer durch eine große Firma gelaufen war. Hier und da ist jemand verschwunden, während der Psycho sie in einem Lagerraum gestapelt hat. Verletztes Ego, schlimm sowas.

Der Roman lief ganz gut. Doch so recht will mein Hirn sich aus all den Berichten nichts zurecht basteln.

Noch immer rührte ich mich nicht, seufzte frustriert und war drauf und dran, meine beste Freundin anzurufen, um zu fragen, ob sie in ihrem dezent makabren Kopf vielleicht eine Story parat hätte.

Andererseits könnte ich auch meinen Kumpel anrufen. Wenn jemand das Drama auf einem Silbertablett servieren könnte, dann er. Marek arbeitete in der Rechtsmedizin der Charité und hatte mir schon oft geholfen, was Recherchen anging. Ich war schließlich kein Arzt. Nur Erzieher und diese Berufsgruppe lernt andere gruselige Dinge kennen, über die ich hier nicht unbedingt schreiben wollte.

Ich tastete nach meinem Handy und griff in die heiße Flamme des Teelichts.

„Fuck!“ Hatte meine Freundin bei ihrem Kerzenvorschlag vergessen, dass ich ein Tollpatsch im Quadrat war?

Ich rief Marek dennoch an und fluchte nebenbei vor mich hin, während es in der Leitung klingelte.

„Danke, dir auch“, sagte er amüsiert, als er abnahm und ich gerade „verficktes Ding“ nuschelte.

„Sorry, hab in die Kerze gefasst.“

„Messer, Gabel, Schere, Licht sind für klein Mikey nichts.“ Er lachte leise. „Was gibt’s, Kumpel?“

„Was machst du gerade?“

Er ließ ein „Öhm …“ hören. „Ich bin arbeiten. Warum?“

„Bambi sagt, ich soll schreiben. Irgendwas, was mir einfällt. Aber mir fällt nichts ein. Hast du was für mich?“

„Diese Thrillerfanatikerin hat dir nicht gleich den Plot zu ihrer grandiosen Idee geliefert?“

Ich könnte ihr jetzt die Schuld zuschieben, doch ich musste zugeben, dass ich sie gar nicht gefragt hatte.

„Hm … hast du Lust, herzukommen?“

„Was? Zu dir? Zu … ihnen?“

„Ja, wenn dir in dieser Stadt jemand definitiv nichts mehr tun kann, dann sie. Hab dich nicht so Mädchenhaft. Trab an.“

Ich legte auf und schaute aus dem Fenster. Na klar, es war dunkel. Logisch machte sich jeder normale Mensch auf den Weg in ein Leichenschauhaus.

Ich setzte mich in mein Auto, bewaffnet mit meinem Notizbuch, welches fast auseinander fiel und bereits für acht Bücher hatte herhalten müssen. Der Weg war nicht weit. Vielleicht fünfzehn Minuten. Ich hatte es nicht eilig und ich hoffte Inständig, dass er mich einfach in sein Büro setzen würde.

In der Anmeldung nannte ich meinen Namen und zeigte meinen Ausweis vor, dann durfte ich durch den Sicherheitsscanner.

„Mikeymaus!“

Kopfschüttelnd verdrehte ich die Augen. Marek hatte es geschafft, dass alle Kinder in der Kita mich so nannten, weil das ja auch so witzig war.

„Ich hau dich!“

„Da steh ich doch drauf, wie du weißt. Lass uns gehen.“

Mareks Erscheinung war irgendwie imposant. Ich sah ihn nicht oft in Dienstkleidung. In dem blauen OP-Anzug sah er aus, wie ein furchtbar wichtiger Arzt. Er war Arzt. Waren Gerichtsmediziner richtige Ärzte?

„Eh … wir sind an deinem Büro vorbei gelaufen.“ Ich sah der weißen Tür nach, an der dessen Name prangte: Dr. Med. Marek Ludwig, Rechtsmedizin. Auch imposant.

Ich bin Mike Schoner, neununddreißig und Erzieher im Elementarbereich. Spannend, was?

„Ich dachte, du willst eine Story.“ Er grinste und schob mich in einen Raum. „Warte hier, ich bin gleich zurück.“

Und zack, weg war er.

Blinzelnd starrte ich auf die schwere Metalltür, die gerade ins Schloss fiel. Hatte er mich jetzt allein gelassen? In einem verdammten Leichenschauhaus? Irgendwie wollte ich meinen Blick gar nicht von der Tür abwenden. Wer wusste schon, was hinter mir lag? Ich hatte mich ja noch gar nicht umgeschaut.

Auf meiner Lippe kauend, wagte ich einen scheuen Blick über meine linke Schulter und schluckte. Mehrere Metalltüren reihten sich an der Wand entlang. Und verdammte Scheiße, ich schaute CSI! Ich wusste genau, was sich dahinter befand. Marek, dieser Hund hatte mich mit Leichen allein gelassen.

Da stand ich nun, spürte, wie meine Hände schwitzten, die ich instinktiv an meiner Jeans abwischte. Ich hatte mir immer vorgestellt, dass die Luft in einem solchen Raum kalt und abgestanden sein würde, aber so war es nicht. Ganz im Gegenteil. Fast war es mir etwas zu warm, aber das könnte auch die langsam aufsteigende Panik in mir sein, die sich immer aufbaute, wenn mein verdammter, bester Freund mich in einer verfickten Leichenhalle allein ließ. Es war das erste Mal, aber ich bin sicher, dass ich mich immer so fühlen würde.

Noch immer waren meine Füße, wie angeklebt. Ich würde einfach genau hier stehen bleiben, bis Marek zurückkommen würde.

„Ich bin gleich wieder da.“ Junge, definiere mir „gleich“!

Die Zeit verging, tickend an der Wand hinter mir. Ich wagte es nicht, mich richtig umzudrehen, es könnte ja auch jemand auf einer Barre liegen. Man muss nicht alles im Leben gesehen haben.

Und während ich da stand, auf das kleine Fenster der Tür starrte, welches mir lediglich die nackte, kahle Wand gegenüber zeigte, spürte ich einen eisigen Schauer im Nacken.

„Jap, Supernatural lässt grüßen. Welcher Geist schwebt hier rum?“, fragte ich mutig in den Raum hinein. „Tante Grundel? Noch eine Abrechnung mit dem untreuen Gatten?“ Mein Humor war manchmal etwas zweifelhaft.

Schnell rieb ich mir den Nacken und schüttelte mich. Prima, ich hatte ja kein Problem damit, Thriller mit Horror, Blut und Gemetzel zu schreiben, aber in Natura war ich ein echter Hasenfuß. Und das ist noch sehr liebevoll ausgedrückt. Ich war ein Schisser vor dem Herren! Geräusche und Dunkelheit mochte ich gar nicht.

Hatte ich schon erwähnt, dass ich in einer verdammten Leichenhalle stand? Marek!

Okay, tief durchatmen. Die Leute sind tot, die werden nicht aufstehen und dir eins überbraten. Womit auch. Sie sind ja …

Ich schluckte verzweifelt einen kleinen Schrei hinunter, als das Licht vor dem Fenster flackerte und der Flur plötzlich in tiefschwarzer Dunkelheit lag. Verdammt …

„Marek“, nuschelte ich und ging langsam auf die Tür zu. Die Helligkeit im Raum war auch alles andere, als eine Festbeleuchtung.

„Ich hasse dich! Verdammt, wie ich dich hasse!“ Schnell zog ich mein Handy heraus und schaute aufs Display. Kein Empfang und mein Akku zeigte fröhliche drei Prozent an. Ach ja, ich brauchte ja noch ein neues Handy. Wobei sich diese Anschaffung ja möglicherweise gleich erledigt haben könnte.

Noch einmal atmete ich tief durch. Doch was konnte schlimmer sein, als ein Raum mit diesen kleinen Türen? Die gab es im Flur nicht.

Meine Hand legte sich auf die Klinke, drückte sie hinunter und mit einem leisen Sauggeräusch öffnete sich die schwere Tür. Ich schaute nach links, doch es war zu dunkel. Auch den Flur rechts hinunter war nichts zu sehen. Nur das Stückchen Flur direkt vor diesem Raum war schwach beleuchtet. „Marek?“, fragte ich in die Stille hinein. Nichts.

„Junge, jetzt komm schon. Das ist beschissen!“ Ich würde es nicht zugeben, aber mir zitterten die Knie und das nicht gerade dezent.

Ich überlegte einen Momentlang, ob es Sinn machte, in den Flur zu treten, denn dann würde die Tür ins Schloss fallen und mich ausschließen. Andererseits wollte ich ja gar nicht in diesem Raum sein. In einem Raum voller Leichen. Nein, lieber in einem stockdunklen Flur.

Nun wird man mich vielleicht irgendwann fragen, warum ich nicht einfach in die Richtung gegangen bin, aus der ich gekommen war. Jaah, berechtigte Frage, aber außer, dass ich von rechts kam, weiß ich nichts mehr. Die Gänge hier unten sind ein verdammtes Labyrinth. Man muss sich schon jeden Tag hier unten aufhalten, um sich nicht zu verlaufen.

Also, was sollte ich tun? Raus aus dem Leichenraum, rein in die Dunkelheit? Mein Handy war mittlerweile aus, das Akku auf null.

Und  während ich da stand, nahm mir ein kleiner Luftzug hinter mir die Entscheidung ab. Ich hüpfte erschrocken regelrecht in die Finsternis hinein und die Tür ging zu.

Wie eine Dampflok raste mein Herz los, als sich ein Schatten durch das schwache Licht im Leichenschauhaus bewegte. Oder bildete ich mir diesen in meiner Panik nur ein?

Ich atmete tief durch und verfluchte es, dass ich vor einem halben Jahr aufgehört hatte zu Rauchen. Nun hatte ich deswegen nicht mal ein Feuerzeug. Ich hatte nichts. Gar nichts.

„Marek?“, fragte ich nochmal leise.

Von irgendwo in diesen Katakomben drang das Geräusch einer klappenden Tür zu mir.

„Marek? Wo bist du?“

Stille.

„Ich schwöre, bei allem, was mir wichtig ist, dass ich dir in deinen Arsch trete, sollte ich dich jemals finden“, knurrte ich und tastete mich vorwärts.

Fuck, das war ein öffentliches Gebäude! Müssten hier nicht Notausgangsschilder hängen?

„Weißt du, Marek … du solltest mir eine Story liefern und mich nicht mitten in eine reinwerfen!“

Stille.

Ich sprach mit normallauter Stimme, nur um mich nicht gänzlich verloren zu fühlen.

„Das nächste Mal frage ich Bambi! Sie würde mich niemals irgendwo stehen lassen. Aber ich weiß schon, ihr zwei habt euch gegen mich verbündet. Mikey und seine beschissene Schreibblockade. Ich hasse euch. Oh und ich schreibe in Zukunft nur noch Kinderbücher!“ Entschlossen zu meinen Worten nickend setzte ich einen Fuß vor den anderen und versuchte hier und da eine Tür zu öffnen.

„Ich werde Geschichten über fünf kleine Ponys schreiben. Sie werden süß sein und harmlos. Und eins wird Mike heißen, was sich bei jedem kleinen Geräusch einpuscht.“ Noch ein Schritt, wieder ein seltsames Geräusch in der Ferne. „Eins, zwei, drei, vier, fünf“, zählte ich, wie Kate in Lost, um meiner Panik Herr zu werden. „Alles ist gut.“ Ich sah um die Ecke und runzelte die Stirn, denn mitten im dunklen Flur stand ein Teelicht auf dem Boden und spendete seltsam warmes Licht an diesem Ort.

„Marek, ehrlich jetzt? Willst du mich verarschen?“ Langsam ging ich darauf zu und nahm es vorsichtig in die Hand, als es weit hinter mir plötzlich schepperte. Mich hob es aus den Schuhen und mit einem dumpfen Schrei löschte ich das Licht. „Scheiße!

Ich fluchte einen Moment vor mich hin, weil ich mich in meinem Schreck an dem flüssigen Kerzenwachs verbrannte. „Gott Junge, du bist sowas von fällig!“ Ich ließ die Kerze einfach fallen, so frustriert war ich und lief weiter. Weg von dem Geräusch, welches ich nicht einordnen konnte.

Irgendwann hatte ich keine Ahnung mehr, wo ich mich gerade befand. Es war dunkel und ich fragte mich, ob das wirklich erlaubt war. Das hier war doch immer noch ein öffentliches Gebäude. Dass so viele Türen zu waren, erschien mir logisch. Als ich losgefahren war, schlug die Uhr fast acht. Nun müsste es schon weit nach neun sein. Die Büros waren nicht mehr besetzt.

Ich blieb stehen und stellte mir einen Moment vor, Sachbearbeiter in einem Leichenschauhaus zu sein, wo man auf dem Weg zur Kaffeeküche mehrmals täglich an toten Menschen vorbei kommen würde.

Leise fing ich an zu singen. Lieder aus der Kita. Happysongs, die mich ablenken sollten, doch in dieser Umgebung total skurril waren. Lieder über Bienchen und Pferdchen, über Teddys und Hasen. Ich schüttelte über mich selbst den Kopf und blieb stehen, als es hinter mir ein seltsam klirrendes Geräusch gab. Hastig drehte ich mich um und entdeckte unter der Tür, an der ich soeben vorbei gegangen war, ein kleines Leuchten. Ein schwaches Licht, welches sich durch den Türschlitz schummelte. Ich biss mir auf die Lippe, schluckte ein paar Mal trocken und legte meine Hand auf die Klinke. „Da ist nichts schlimmes drin, alles ist gut und sicher und irgendwann in den nächsten zwei Stunden werde ich Marek eine reindonnern“, murmelte ich und öffnete die Tür ruckartig.

Was ich sah, ließ meinen erschrockenen Schrei in der Dunkelheit verschwinden.

Noch ein Autopsiesaal, noch ein Raum mit vielen, kleinen Türen, mit zwei Bahren in der Mitte, die an stählerne Waschbecken angeschlossen waren. Große Leuchten hingen darüber, doch das wenige Licht stammte von mehreren Kerzen, die auf dem Boden, auf den Bahren und auf einem Stahlregal standen. Und an der linken Bahre saß eine junge Frau, brünett, kalkweißes Gesicht, mit tiefen Schatten unter den Augen. Sie sah mit einem finsteren Blick auf und legte den Finger auf die Lippen. „Scht“, zischte sie leise.

Ich starrte sie nur mit offenem Mund an. War sie … jetzt ein Geist? Lesend in einem Buch?

Ich blinzelte und schloss schnell die Tür. Verdutzt starrte ich auf die Metalltür, wusste nicht so recht, was ich tun sollte. Doch aus dem Impuls heraus riss ich sie auf und ließ meinen Blick durch den Saal huschen. Wo war sie? Die Kerzen, das Buch … alles war da, nur die Frau nicht. Ich hatte sie mir doch nicht eingebildet. Sie war doch da gewesen. Sie hatte mich angezischt.

„Mike, du drehst durch“, murmelte ich und trat in den Raum hinein, vergessend, was sich hinter den Türen befand. Die fehlende Frau verwirrte mich gerade massiv.

Ich schritt langsam durch den Raum, ließ meinen Blick umher huschen und kaute beinahe verzweifelt auf meiner Lippe herum.

Ich nahm, das Buch in die Hand. Ein französischer Roman. Ich konnte kein Französisch, verstand den Text nicht und legte es wieder beiseite. Doch eine der Kerzen nahm ich mir. Immerhin wusste ich nicht, wann die Dunkelheit wieder über mich einbrechen würde.

Ein schrilles Klingeln hob mich komplett aus den Schuhen. Und nicht nur das. Ich schrie sogar auf, ein Laut, der mich noch mehr erschreckte. Auf einem kleinen Schreibtisch stand ein Telefon und klingelte unaufhörlich. Auch, wenn mir durchaus bewusst war, dass ein Telefon auch Rettung bedeutete, trat ich nur langsam darauf zu und streckte zögerlich die Hand aus.

„Hallo?“, fragte ich mit zitternder Stimme in den Hörer.

„Schhht …“, zischte es am anderen Ende.

„Okay, also … jetzt ist mal Schluss! Marek! Wo steckst du?“

Schweigen am anderen Ende.

„Na schön.“ Ich legte auf und wählte die einzige Nummer, die ich auswendig wusste. Zoes, oder wie ich sie stets nannte: Bambi.

„Was gibt’s?“, fragte sie hörbar gelangweilt.

„Ich bins. Bambi, Marek ist … aaaaaaah!“

„Was? Wie … Mike?“

„Wer sonst? Ich platze gleich. Der Penner hat mich im Leichenschauhaus ausgesetzt. Alles ist stockdunkel, hier rennt eine Frau als Geist verkleidet herum und der Typ ist nicht auffindbar!“

Zoe schwieg, dann machte sie nur: „Hm …“

„Hm? Was Hm?“

„Eigentlich cooler Stoff für ein neues Buch. Pass auf: Ein Mitarbeiter in der Pathologie – nachts – seltsame Geräusche und dann der Geist einer Frau. Brillant.“

„Das ist nicht brillant, das ist Blödsinn.“

„Hm …“

Ich atmete tief durch.

„Ja, du hast Recht, das ist Quatsch. Aber ein Mörder in der Pathologie? Nee, warte. Das gabs schon. Wurde sogar verfilmt. Hm …“

„Bambi, ich will keine Plotvorschläge. Ich will hier raus!“

„Ohhh … sag das doch. Was soll ich jetzt machen? Bis zu dir brauche ich eine Stunde.“

Ich schnaufte ungeduldig. „Wärst du so nett und würdest mir Mareks Nummer geben? Mein Akku ist alle. Ich würde den Vogel gern anrufen.“

Leise lachte sie. „Wenn das seine Idee war – und ich muss gestehen, ich wäre jetzt gern bei dir. Nachts in der Pathologie. Sehr cool. Ich bring meine Kamera mit – naja, also er wird nicht rangehen.“

„Gib sie mir einfach.“ So langsam war ich nur noch genervt. Ich nahm einen Bleistift und schrieb die Nummer auf den Tisch, da ich kein Papier finden konnte.

„Danke. Und komm ruhig her. Er braucht Beistand, sollte ich ihn finden.“

Zoe lachte auf. „Ihr beide seid sowas von bescheuert. Macht das mal unter euch aus. Schreib mir, wenn du wieder zu Hause bist, damit ich weiß, dass es dir gut geht!“

„Mach ich. Danke.“ Ich legte auf und wählte Mareks Nummer. Lange klingelte es, dann sprang die Mailbox an. „Marek, wo steckst du? Trab sofort hier an oder ruf mich zurück. Ich bleibe hier neben dem Telefon sitzen. Alter, dafür schuldest du mir was!“ Ich legte auf und ließ mich auf den Stuhl am Schreibtisch fallen.

Tick Tack Tick Tack …

Die Uhr über mir machte mich fast schon schläfrig mit ihren monotonen Geräuschen. Ich hatte vollkommen das Gefühl für Zeit verloren, doch die Zeiger standen auf halb zehn in der Nacht.

Als das Telefon klingelte, schreckte ich hoch. War ich eingeschlafen? Ich sah auf die Uhr, doch es waren nur zehn Minuten vergangen.

„Ja? Marek?“

„Wo steckst du denn? Warum bist du nicht mehr in Raum drei?“

„Warum? Da war plötzlich alles dunkel. Wieso hast du mich da abgestellt?“

„Ich wollte nur Kaffee holen und dann gabs einen Stromausfall. Ich kann die Nummer gerade nicht zuordnen. Wo bist du?“

„Woher soll ich das wissen?“, platzte ich laut raus.

„Wow … okay, schau auf die Tür. Da steht eine Nummer drauf.“

Wütend knallte ich den Hörer auf den Tisch und ging nachschauen. „Raum sechs.“

Marek lachte auf. „Wie bist du denn dahin gekommen? Warte auf dem Flur, ich bin gleich bei dir.“

Ich legte auf und schaute auf den hell beleuchteten Flur. Stromausfall? Sollte ich ihm das echt so abnehmen?

Ein Mann eilte vorbei, nach ihm zwei Frauen in OP-Kleidung. Plötzlich herrschte wieder der normale Nachtbetrieb, von dem Marek mir so oft berichtet hatte.

„Hey, ist ja unglaublich. Wieso bist du hier?“ Er reichte mir eine Tasse dampfenden Kaffees.

„Weil in dem anderen Raum Leichen waren!“

„Falsch. Hier sind Leichen, also komm da raus. Ich würde dich niemals in einen Raum mit Leichen stecken. Wenn das die Staatsanwaltschaft erfährt, bin ich geliefert.“

Verwirrt schaute ich ihn an. „Warum standen hier überall Kerzen?“, fragte ich ihn und deutete in den Raum, in den Marek schnell einen Blick warf.

„Ich denke, wegen des Stromausfalls. Wieso bist du hier drin gelandet?“

„Licht drang unter der Tür durch.“

„Verstehe.“

Ich zögerte und schaute ihn an, während wir den Flur hinunter gingen. „Wer war die Frau?“

„Ich brauche mehr Kontext. Welche Frau?“

„Naja … sie trug ein langes, weißes Kleid, brünette Locken … sehr bleich. Sie las das hier.“ Ich reichte ihm das Buch, welches Marek aufschlug.

„Propriété de Madame Boureè“, las er vor. „Wo hast du das her?“

„Das hat sie gelesen.“

Nun hob mein bester Freund die Augenbrauen. „Was meinst du damit, sie hätte es gelesen?“

„Sie saß dort in diesem Raum, inmitten der Kerzen und hat es gelesen.“

Marek sah mich beinahe traurig an. Und bei seinen nächsten Worten entglitten mir sämtliche Gesichtszüge.

„Mike, Josephine Boureè ist seit vierzig Jahren tot …“