Cendriya S. im Interview
Wie bist du zur Schreiberei gekommen?
Ich habe jahrelang Improvisations-Theater und Pen & Paper Rollenspiele gespielt und konnte dort meine kreative Ader ausleben. Dann kam Corona. Theater war verboten, die Rollenspielrunden mussten immer öfter ausfallen, meine Kreativität quoll über. Genau in diesem Moment startete die Ausschreibung für den dritten Redrum Fiction Award. Ich schrieb mehrere Kurzgeschichten, konnte damit gar nicht mehr aufhören, nahm auch an weiteren Ausschreibungen teil. Intuitiv ließ ich meine Rollenspielerfahrung in meine Werke einfließen und bekam viele positive Rückmeldungen, sodass ich seitdem nicht mehr damit aufgehört habe.
Deine Bücher sind im Horrorgenre angesiedelt. Was fasziniert dich an dieser Thematik?
Mich fasziniert der Blick in menschliche Abgründe und moralische Dilemmas. Im Horror- oder Hardcoregenre kann man sich dabei traditionsgemäß etwas weiter vorwagen als in anderen, Handlungen und Entwicklungen beschreiben, die sonst gerne ausgeblendet oder gar nicht erst thematisiert werden.
Ich mag es explizit zu schreiben, wobei Splatter- und Ekelszenen bei mir keinen Selbstzweck erfüllen. Ich bevorzuge es perfide und symbolträchtig mit einem hohen Psychoanteil.
Wie sieht dein Schreibprozess aus?
Wenn ich eine zündende Idee habe, schreibe ich die ersten zwanzig bis dreißig Seiten wie im Rausch. Ich brauche diesen Arbeitsschritt, um mich in meine Charaktere einfühlen zu können. Häufig fange ich noch einmal neu an oder versehe einen Charakter mit anderen Attributen, bis sich die Ausgangslage und die Charaktere richtig anfühlen.
Sobald dieses Gerüst steht, beginnt die Planung, Recherche und erste Überarbeitung. Ich erstelle in Pen&Paper Manier Charakterbögen für meine Charaktere, suche Bilder, wie ich sie mir vorstelle, erstelle eine Playlist mit passender Musik, die mich inspiriert und lege einen groben Plot fest. Der muss flexibel genug sein, damit meine Charaktere ihren Schabernack damit treiben können, denn in bester Rollenspielmanier entwickeln meine Charaktere recht schnell ein Eigenleben.
Wenn ein Projekt dieses Stadium erreicht, verbeiße ich mich in es, wie ein Terrier und lasse es auch nicht mehr los. Die erste Anlaufstelle für Rückmeldungen ist dabei mein Lebensgefährte, sowie mein Schreibbuddy Kathi. Erst wenn die ihre Zustimmung geben, lasse ich externe Testleser über mein Werk schauen und baue deren Rückmeldungen in den weiteren Schreibprozess ein.
Tja und dann geht es darum ob, bzw. welcher Verlag meine Geschichte haben will, welche Rückmeldungen aus dem Lektorat kommen, wie das Cover aussehen und wann der Release sein soll, ehe sie irgendwann auf die Welt losgelassen wird.
Wie reagiert dein direktes Umfeld auf deine Geschichten?
Nun, da ich mich hinter einem Pseudonym verstecke, habe ich ja weitestgehend die Kontrolle darüber, wer weiß, was ich schreibe. Da ich meinen Lebensgefährten über das Rollenspielen kennengelernt habe, weiß er, dass ich eine blühende Fantasie und einen Hang zu dunklen Inhalten habe.
Meiner Mutter, - die sonst nur Rosamunde Pilcher liest und sich schon beim Tatort gruselt, - habe ich erst spät davon berichtet und sie vor dem Inhalt gewarnt. Sie wollte trotzdem lesen und ich habe ihr eine Leseprobe geschickt, auch wenn ich fest davon ausgegangen bin, dass sie nach den ersten Seiten abbricht. (Leser, die den Prolog aus „Hekate – Göttin des Abgrunds“ kennen, wissen warum.) Stattdessen rief sie mich nur Stunden später an und wollte den Rest haben. „Das ist wie ein Autounfall. Was du schreibst ist so furchtbar, aber ich kann auch nicht aufhören zu lesen.“
Welcher deiner Charaktere liegt dir mehr, als alle anderen am Herzen und warum?
Ganz eindeutig Miran. Er ist als simple Anti-Hekate gestartet. Ein deutscher Kriminalpolizist, im Training zum SEK-Beamten, der damals noch Daniel hieß. – Total langweilig!
Ihm fehlte einfach das gewisse Etwas, also habe ich danach gesucht. Zufälligerweise habe ich dabei eine Dokumentation über Aleviten in Deutschland gesehen. Ich war fasziniert, habe die Idee aber sofort ad acta gelegt. Über einen Kulturkreis zu schreiben, der einem fremd ist, erschien mir anmaßend und respektlos. Auch wenn ich keine Probleme damit habe, die persönlichen Grenzen meiner Charaktere mit Füßen zu treten, habe ich das bei realen Menschen sehr wohl.
Aber die Idee hat mich nicht mehr losgelassen. Ich habe viel recherchiert, fest davon ausgehend, dass es am Ende nicht passt und ich die Idee samt und sonders verwerfe. Aber nein, je mehr ich mich mit der Philosophie und dem Weltbild des liberal ausgelegten anatolischen Alevitentums in Deutschland auseinandergesetzt habe, umso mehr habe ich für diese Idee zu brennen begonnen.
Und dann hat Miran das dankend angenommen und sein eigenes Ding draus gemacht. Er ist mit Abstand der Charakter mit dem stärksten Eigenleben und dem größten Sturkopf, der meinem Kopf je entsprungen ist.
Darf ein Autor in diesem Genre für seine Charaktere Mitleid empfinden oder blockiert das deinen Schreibflow?
Ich bin der Ansicht, dass er das sogar muss. Zumindest ist das bei mir so. Nur wenn ich mich in meine Charaktere hineinversetze, kann ich sie auch angemessen beschreiben. Ich leide immer mit und habe an der einen oder anderen Stelle auch beim Schreiben geweint und mich selbst dafür verflucht, was ich ihnen antue. „Bist du sicher, dass du in diesen Abgrund blicken willst?“ Diese Frage stellt nicht nur Hekate an Miran, sondern ich mir selbst auch bei jedem Schreibvorgang.
Was inspiriert dich?
Musik. Ich habe zu wirklich jedem Projekt eine Playlist. Wer „Hekate – Göttin des Abgrunds“ schon gelesen hat, kann gerne reinhören, für alle anderen gilt jedoch eine akute Spoiler-Warnung:
Wie sehen deine Recherchen für deine Geschichten aus?
Bisweilen sehr umfangreich, wobei mein Augenmerk stark auf meinen Charakteren liegt. Bürokratie und – im weitesten Sinne – mechanische Abläufe interessieren mich ehrlich gesagt nicht besonders. Da musste mich meine Lektorin ganz schön in den Allerwertesten treten.
Wenn ich mich jedoch bei einem ungeliebten Thema zur Recherche aufraffe, dann mache ich das auch richtig. Wusstet ihr, dass die Walther P99 eigentlich keinen Sicherungshebel hat und das extra für die Dienstmodelle für Polizeibeamte geändert wurde?
Bist du im Schreibprozess jemals auf etwas gestoßen, was du aus moralischen oder anderweitigen Gründen nicht umsetzen konntest?
Nein, wobei ich offen gesagt „True Crime“ für mich als Genre ausschließe. Mit Gräueltaten im Reich des Imaginären kann ich prima umgehen, aber sobald ich weiß, dass es um reale Menschen geht, die Ähnliches erleiden mussten, kann ich das nicht mehr.
Klar weiß ich, dass „so etwas“ vermutlich irgendwo in genau diesem Moment passiert. Vielleicht sogar jemand die Manipulationstechniken nutzt, die ich im Buch beschreibe, aber es bleibt abstrakt.
Dennoch möchte ich die Menschen durch meine Werke dazu ermuntern, im realen Leben hinzusehen. Das nicht wahr ist, was nicht wahr sein darf, ist leider der beste Schutz, den ein Täter oder eine Täterin haben kann. Wenn ich bei Kollegen wie zum Beispiel Andreas Laufhütte sehe, wie heftig einige Menschen dessen Inhalte abwehren, gibt mir das zu denken. Leider hat die Geschichte der Menschheit viel zu oft gezeigt, welche Gräueltaten passieren können, wenn Menschen ihre Augen und Herzen gegenüber dem Unaussprechlichen verschließen und es damit gewähren lassen.
Kannst du uns verraten, woran du gerade arbeitest?
Ich habe bereits den groben Aufbau für einen zweiten Teil von Hekate fertig und hoffe sehr, dass Verleger Michael Merhi und sein Redrum Verlag dem zustimmen.
Bis es so weit ist, arbeite ich an einem weiteren Buch, das ich als psychedelische Rape & Revenge Dystopie beschreiben würde. Die Zukunft wird hart und dreckig … in vielerlei Hinsicht!
This or that
Dein Autorenleben
Roman oder Kurzgeschichte?
Uh, das ist schwierig, aber wenn es unbedingt sein muss: Roman
Frühschreiber oder Abendschreiber?
Abendschreiber
Drinnenschreiber oder Draußenschreiber?
Drinnen
Mit Snacks schreiben oder ohne Snacks schreiben?
Ohne
Romanabschluss feiern oder nicht feiern?
Feiern! (Mit schick Essengehen und Krumme!)
Deine Favorites
Pizza oder Nudeln?
Pizza
Frühaufsteher oder Langschläfer?
Langschläfer
Natur oder Stadt?
Natur
Bier oder Wein?
Bier
Tee oder Kaffee?
Milch mit Spuren von Kaffee
Süßes oder Deftiges?
Süßes
Kinogänger oder Couchgenießer?
Couchgenießer
Strandurlaub oder Sightseeing?
Ganz eindeutig Sightseeing!
