Extremliteratur und warum ich sie lese
Anfang 2010 entdeckte ich die britische Gayporn - Szene für mich und während all meine Bekannten und Freunde sich die normalen Liebesschnulzen angesehen haben, zog ich mir Pornos rein. Natürlich, als Gay - Autorin stand die Recherche an oberster Stelle. Nicht die heißen Jungs.
Nicht das erste mal erntete ich Unverständnis meiner Mitmenschen. Die Frage, wieso ich als Frau Gaygeschichten schrieb stand irgendwie die ganze Zeit im Raum. Und nun guckt sie auch noch Pornos.
Als ich meiner Familie zu Ostern erzählte, was ich im Moment lese und dass ich dazu auf Instagram Rezensionen schreibe, kamen die gleichen seltsamen Blicke. Wieso muss es gleich Blut und Gemetzel sein? Wieso keine seichten Krimis mit netten Psychopathen?
Jetzt könnte ich sagen, dass ich scheinbar immer das Extreme mag. Aber ich bin eine echte Pussy, was Horrorfilme angeht. Da bekomm ich zustände. In Buchform darfs gern richtig zur Sache gehen.
Zuvor sollte noch eines gesagt werden:
Ich verabscheue Gewalt, verstehe die weltweite Waffenpolitik nicht, verurteile jeden Krieg, egal, zu welchem Thema er stattfinden muss. Ich hasse Rassismus und Diskriminierung. Und ich bin der Meinung, dass man jedem Kinderschänder sein Ding in Scheiben abschneiden sollte.
War das jetzt zu extrem? Nein.
Wieso lese ich dann aber all das?
Am Ende ist und bleibt es eines: Kunst. Und Kunst ist so vielfältig, dass für jeden etwas dabei ist.
Nehmen wir als Beispiel die Musik, okay?
Da gibt es zarte Arien, seichte Opern, süße Lovesongs. Und was steht auf der anderen Seite? Heavy Metall, Punkrock und laute, wummernde Technobässe. So oft werden Menschen, die diese Musik hören, gefragt, wie sie diesen Krach vertragen können.
Beispiel aus der Malerei gefällig?
Es gibt so viele verschiedene Künstler die in den letzten Jahrhunderten fantastische Meisterwerke auf die Leinwand gebracht haben. Manches besteht aus zarten Pastellstrichen, anderes aus solch kräftigen Farben, dass uns das Gemälde anzubrüllen scheint. Ganz zu schweigen von der süßen Blumenwiese, bis hin zu grotesken und bizarren Portraits!
Weiter mit den Skulpturen?
Da gibt es weiche Formen, zarte Rundungen und glatte Oberflächen und die wilden, ungezähmten Werke, dessen Material vom Schrottplatz um die Ecke kommen.
Und nichts anderes ist es in der Literatur.
Abgesehen von der Literatur, die dem System des Kinder- und Jugendschutzes unterliegt, ist die Erwachsenenliteratur so umfassend und weitreichend, wie jede andere Kunst. Süße Liebesromane, fantasievolle Reisen und lustige Geschichten stehen dem Dunklen gegenüber. Krimis und Thriller. Mord, Gewalt und Grausamkeiten und doch gibt es immer eine Steigerung. Und zack, sind wir bei der Extremliteratur. Pornos, Gewaltexzesse, Folter und Tod in der kreativsten Form, die die Menschheit zu bieten hat.
Im Abgründe zu schauen, sich selbst zu testen und herauszufinden, wo die eigenen Grenzen sind, ist eine spannende Erfahrung. Ich weiß, dass ich niemals ausführliche Darstellungen von Kindesmisshandlungen lesen könnte. Und doch gibt es diese Sparte der Literatur. Und es wird immer Menschen geben, die genauso normal sind, wie ich, die keine Psychopaten sind und die Bücher nicht als Steilvorlage nutzen, sondern das in ihnen sehen, was sie sind: Kunst. Laut schreiende, vielfältige und atemberaubende Kunst.
Fassen wir also zusammen: Ich mag es laut und extrem. 08/15 ist mir zu wenig. Das ist nicht schlimm, nicht verwerflich oder falsch. Es ist eben nur nicht deine Kunst, sondern meine. Es ist auch nicht so, dass du es verstehen musst. Du musst es nur akzeptieren. Verurteile mich nicht, weil ich mit seichter Kunst nichts anfangen kann. Ich verurteile dich auch nicht, weil du Liebesgeschichten magst und auf Opern stehst.
Akzeptanz ist das, was diese Welt am wenigsten hat und am meisten braucht!